Weihnachten 2005

Gewidmet meinem Großvater

© Sandra Wäsche (Dezember 2001)

Kalt peitschte der Wind den Regen vor sich her. Überall hasteten Menschen mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen und hoch gestellten Kragen durch die Straßen. Alle hielten den Blick gesenkt, um niemandem in die Augen schauen zu müssen. Und um zu vermeiden, dass man womöglich noch jemanden sehen würde, den man kannte und wegen dem man dann auch noch stehen bleiben musste. Jede Verzögerung wäre mehr als ärgerlich gewesen. Schließlich waren es nur noch wenige Tage bis Weihnachten und es mussten noch viele Besorgungen gemacht werden. Schließlich erwarteten alle möglichen Leute Geschenke. Wobei sich sowieso die Frage stellte, wofür man diesen Aufwand jedes Jahr trieb. Schließlich war Weihnachten ein Arbeitstag wie jeder andere. Der Unterschied zu den restlichen 364 Tagen im Jahr bestand darin, dass man Abends ein opulentes Essen in sich hineinschlang und die für viel Geld gekauften Geschenke austauschte.

 

Die Fenster der Geschäfte leuchteten in kitschigen, blinkenden Farben. Sie sollten die vorbeihastenden Leute dazu bewegen, in das Geschäft zu gehen und noch mehr zu kaufen. Dabei glichen die Tage vor Weihnachten sowieso schon lange einem gigantischen Kaufrausch und die Aufforderung verpuffte ungesehen.

 

Weit außerhalb der überfüllten Stadt spielten in einem alten Haus zwei Kinder auf dem Dachboden. Nur durch Zufall hatten sie den Schlüssel für die schon immer verschlossene Tür gefunden und die Gelegenheit natürlich sofort genutzt. Hatten ihre Eltern ihnen doch immer verboten, durch diese Tür zu gehen. Noch befanden sich ihre Eltern in der Stadt um zu arbeiten. So konnten sie ungestört in den Kisten stöbern, die sich auf dem Boden verbargen.

 

Das kleine Mädchen, Carla hieß es, griff nach einem großen Buch, welches oben in einer großen Kiste lag. Als sie es aufschlug bekam sie große, staunende Augen. Ihr Bruder Klaus hatte zwei oder drei kleine Kartons aus der gleichen Kiste geholt und diese standen nun geöffnet vor ihm. Auch seine Augen blickten staunend auf die glitzernden Sachen, die da nun vor ihm lagen. Silberne Kugeln und kleine Gebilde, denen er keinen Namen geben konnte. Dazu  komische Figuren, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Carla blätterte Seite für Seite des großen Buches um. Was waren das nur für komische Zettel, die darin klebten? Überhaupt war es ein Wunder, dass sie überhaupt wusste, dass sie ein Buch in den Händen hielt. Bücher waren völlig nutzlose Dinge, die heutzutage niemand mehr brauchte.

 

Ein lauter Knall ließ die beiden vor Schreck zusammenfahren. Und schon hörten sie die Stimme ihrer Mutter, die laut nach ihnen rief. Nun würde es Ärger geben. Aber bevor sie sich auch nur rühren konnten, stand ihre Mutter in der geöffneten Tür und sah mit funkelndem Blick zu ihnen herab. 
"Was macht ihr hier? Ihr wisst doch ganz genau, dass ihr hier nichts zu suchen habt." Ärgerlich bewegte sich die Mutter auf die beiden Kinder zu, die ganz still auf dem Boden saßen. Sie wollte die beiden schon an den Händen aus dem Raum zerren, als ihr Blick auf die Dinge fiel, die Carla und Klaus aus der großen Kiste geholt hatten. Schon wurde sie von ihren Kindern mit Fragen danach bestürmt, was das alles wäre. Langsam ließ sich die Mutter zwischen ihren Kindern auf dem Boden nieder, griff nach dem großen Buch und blätterte Seite um Seite um, ohne auf die Fragen ihrer Kinder zu reagieren. Ein wehmütiger Ausdruck trat in ihre Augen. Und dann fing sie an zu erzählen.

 

"Als ich noch klein war, war Weihnachten etwas ganz anderes als heute. Eigentlich fing alles schon ungefähr 4 Wochen vorher an. Für die Kinder gab es am 1. Dezember etwas, was sich Adventskalender nannte. Ein Adventskalender bestand zum Beispiel wie hier" und sie deutete auf eines der Fotos in dem Fotoalbum "aus 24 kleinen Beutelchen. Jedes Beutelchen war für je einen Tag bis Heiligabend gedacht und enthielt eine kleine Nascherei. Und die 4 Sonntage vor dem Heiligabend nannte man Adventssonntage. Wir hatten damals immer einen Adventskranz, auf dem 4 Kerzen waren." Damit ihre Kinder besser verstanden was sie meinte, suchte sie in dem Album nach dem passenden Foto und zeigte es den Kindern. "Jeden Sonntag wurde eine Kerze mehr angezündet, bis dann am 4. Adventssonntag, dem letzten Sonntag vor Weihnachten, alle vier brannten. Und in dieser Zeit hat meine Großmutter immer mit mir gebacken. Zu Weihnachten sollte es ganz besondere Plätzchen geben." Ganz still hörten Carla und Klaus bei dem zu, was ihre Mutter zu erzählen hatte. Wie fremdartig das doch alles klang. Heiligabend, Advent, Adventskalender. Noch nie hatten sie von so etwas gehört. 

 

"Und dann der 6. Dezember, Nikolaus. Wie habe ich mich auf diesen Tag gefreut und ihn auch gefürchtet. An ein Jahr kann ich mich noch besonders gut erinnern. Wir wohnten damals bei meinen Großeltern im Haus. Wie jeden Tag übte ich Klavierspielen, als es plötzlich an der Haustür schellte. Ich muss so 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein. Mir war klar, dass das nur der Nikolaus sein konnte. Vor Aufregung wurde ich ganz nervös. Meine Mutter ging die Tür für ihn öffnen. Und dann stand er vor mir, in seinem roten Mantel, mit seiner roten Mütze und dem langen, weißen Bart." Mit einem Seufzer schloss sie die Augen. Wie lange war das schon her. Fast vergessen. Aber nur fast. "Mit tiefer Stimme fragte er mich, ob ich denn im letzten Jahr auch schön brav gewesen wäre. Vom Nikolaus bekam man nur etwas Schönes, wenn man auch brav gewesen war. War man böse, gab es kein Geschenk, sondern Hiebe mit seiner Rute." Fasziniert ließen sich die Kinder kein Wort entgehen. "Vor Aufregung kriegte ich kaum ein Wort heraus. Aber meine Mutter versicherte ihm, dass ich immer schön brav gewesen sei. Er nickte bedächtig und griff in seinen großen Jutesack, um ein Geschenk herauszuholen und es mir zu geben. So viel Angst wie ich damals auch hatte, ich kann mich genau erinnern, dass mir irgendetwas an ihm sehr vertraut vorkam. Kaum war er aus der Tür wusste ich, was es war. Diese Stimme kannte ich doch, weil ich sie fast jeden Tag hörte. Unter dem roten Mantel musste sich mein Opa verborgen haben. Einige Jahre später hat meine Mutter mir dann erzählt, dass ich damals richtig vermutet hatte." So sehr sie auch suchte, davon konnte sie leider kein Bild in dem Album finden. 

 

"Aber es gab noch so viel mehr Schönes in dieser Zeit. Zum Beispiel wurde für den Weihnachtstag ein echter Tannenbaum gekauft oder sogar aus dem Wald geholt. Dieser wurde dann im Wohnzimmer aufgebaut und festlich geschmückt. Dafür sind diese Dinge hier." Sie nahm eine der silbernen Kugeln in die Hand und besah sie von allen Seiten. "Zusätzlich wurden so viele Lichter wie möglich am Baum angebracht." Wehmütig dachte sie an die vielen Weihnachtsabende zurück, an denen diese Lichter zum ersten Mal leuchteten und sie dann bis in das neue Jahr begleitet hatten. "Am Abend des Heiligabend wurden dann die Geschenke unter dem Baum verteilt. Die Familie saß gemütlich zusammen." Ihre Stimme wurde immer leiser. "Irgendwie war damals alles ganz anders als heute." Mit einem tiefen Seufzer ließ sie die silberne Kugel in ihre Verpackung zurückgleiten und vorsichtig schichtete sie die kleinen Kartons wieder in die Kiste. Oben auf legte sie das Album mit den Erinnerungen an ihre Kindheit.